Zwischen WM-Gänsehaut und Olympia-Traum: Zoe Song prägt den Flag-Football-Boom aus München mit
Eine Heim-WM, die alles übertrifft
Als Zoe Song über die IFAF Flag WM Düsseldorf 2026 spricht, wird schnell deutlich, dass die vier Turniertage für sie weit mehr waren als nur der nächste internationale Wettbewerb. Familie und Freunde auf den Tribünen, volle Ränge und eine Atmosphäre, die sie aus ihrer bisherigen Flag-Football-Karriere so nicht kannte.
„Das war schon echt eine Zehn-von-zehn-Experience“, sagt Song. Besonders beeindruckt habe sie der Moment, am Spielfeldrand zu stehen und auf der Tribüne all die Menschen zu entdecken, die eigens gekommen waren, um das deutsche Team zu unterstützen.
Für Song war die Heim-WM gleichzeitig ein Zeichen dafür, wie schnell sich Flag Football momentan entwickelt. Bereits der Media Day vor Turnierbeginn fühlte sich für die Spielerinnen anders an als vieles zuvor: Interviews, Fotoshootings, Livestreams und eine deutlich größere mediale Aufmerksamkeit machten aus dem Turnier ein Event, das sich für die Nationalspielerin „noch einmal viel professioneller“ anfühlte.
„Man merkt richtig, dass da gerade eine Veränderung in diesem Sport stattfindet.“
Gegen die USA wird ein Spiel zum Karriere-Highlight
Sportlich erfüllte Deutschland zunächst das Ziel, die Gruppenphase zu überstehen und zu den besten acht Mannschaften der Welt zu gehören. Im Viertelfinale wartete anschließend ausgerechnet die USA – die internationale Referenz im Flag Football.
Was folgte, wurde für Zoe Song zum bisherigen Highlight ihrer Karriere.
Deutschland begegnete dem Vize-Weltmeister auf Augenhöhe und verlor am Ende nur mit 34:35. Gerade weil die Überraschung greifbar nahe war, mischten sich nach dem Spiel Stolz und Enttäuschung.
„Man denkt sich natürlich: Nur ein Punkt – das hätte auch für uns ausgehen können. Wer weiß, wie weit wir dann gekommen wären“, erzählt Song. „Wir waren alle geknickt nach dem Spiel, aber gleichzeitig auch euphorisch, weil wir so ein cooles Spiel gespielt haben.“
Die Partie habe gezeigt, welches Potenzial im deutschen Team steckt.
„Wenn wir immer so spielen würden wie gegen die USA, würden wir uns gegen manche anderen Teams deutlich leichter tun.“
Dass sich Deutschland anschließend noch bis auf Platz fünf spielte, war deshalb auch eine Frage des Selbstverständnisses. Nach dem knappen Aus gegen den Weltmeister habe das Team zeigen wollen, „dass wir trotzdem ganz oben mitspielen“.
Der Traum von Los Angeles lebt weiter
Die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 gelang in Düsseldorf nicht. Aufgegeben ist der Traum von Los Angeles damit keineswegs.
2027 wartet zunächst die Europameisterschaft. Dort will Deutschland einen der entscheidenden Plätze auf dem weiteren Weg zur Olympia-Qualifikation erreichen.
Song hält dieses Ziel für realistisch. Bei der WM gehörte Deutschland zu den stärksten europäischen Teams – gleichzeitig weiß die Nationalspielerin, wie eng die Leistungsdichte inzwischen geworden ist.
„In Europa ist Flag Football schon auf einem sehr hohen Niveau. Die Mannschaften sind sehr auf Augenhöhe und man merkt, wie alle sich gegenseitig immer weiter hochpushen.“
Die WM habe dem deutschen Team deshalb nicht nur Selbstvertrauen, sondern neue Motivation gegeben.
„Nach der WM haben eigentlich alle gesagt: Das hat so viel Spaß gemacht, wir wollen jetzt richtig Gas geben. Nächstes Jahr wollen wir uns einen Titel holen.“
Für Song selbst wäre Olympia der Höhepunkt dieser Entwicklung. Die Chance, 2028 bei der olympischen Premiere von Flag Football dabei zu sein, bezeichnet sie als eine echte „Once-in-a-Lifetime-Chance“.
Vom Turnhallenboden zum geförderten Leistungssport
Wie stark sich die Rahmenbedingungen verändert haben, kann Song aus eigener Erfahrung beschreiben.
Noch vor wenigen Jahren schlief die Nationalmannschaft bei Trainingslagern gemeinsam in einer Turnhalle, weil das Budget für Hotelübernachtungen fehlte. Bei der Heim-WM in Düsseldorf konnten sich die Spielerinnen dagegen weitgehend auf ihren Sport konzentrieren. Reisekosten wurden übernommen, vor Ort waren Shuttle, Verpflegung und Organisation geregelt.
Für Song ist der Unterschied enorm.
Hinzu kommt die zunehmende Förderung. Kurz vor der Weltmeisterschaft erhielten erstmals Spielerinnen Förderplätze der Deutschen Sporthilfe. Das könne helfen, den enormen Aufwand hinter dem Leistungssport besser abzufangen.
Denn die eigentliche Arbeit ist für Zuschauer häufig unsichtbar: Krafttraining, Sprinttraining, Film Study, Nationalmannschaftslehrgänge und internationale Reisen kommen zu den Trainingseinheiten und Spielen im Verein hinzu.
„Ich glaube, vielen Leuten ist gar nicht bewusst, wie viele Stunden Film schauen, Gym, Sprinttraining und Training dahinterstecken.“
Eine Frauenliga auf Wachstumskurs
Zur internationalen Entwicklung gehört für Song auch eine stärkere nationale Basis. Und gerade dort hat sich in kurzer Zeit enorm viel getan.
2024 startete die deutsche Frauenliga nach ihrer Erinnerung mit fünf Mannschaften. Ein Jahr später waren es zehn, 2026 bereits 20 Teams. Weitere Mannschaften stehen schon für die kommende Saison bereit.
„Das kommt uns auf jeden Fall zugute“, sagt Song. Denn mehr Teams bedeuten auch mehr hochwertige Spiele und damit mehr Wettbewerb im Alltag.
Auch die Nationalmannschaft sucht inzwischen bewusst starke internationale Gegner. In der Vorbereitung auf die WM spielte Team Germany unter anderem in Mexiko und Panama.
Für Song greifen all diese Faktoren ineinander: mehr Förderung, bessere Infrastruktur, stärkere nationale Wettbewerbe und regelmäßige Spiele gegen internationale Topteams.
Munich Spatzen: Gegnerinnen werden zu Teamkolleginnen
Ein wichtiger Teil von Songs Football-Leben findet in München statt. Mit den Munich Spatzen spielte sie eine starke Saison und wurde Vizemeisterin. Nur wenige Wochen später standen Spielerinnen, die sich im Vereinswettbewerb noch gegenüberstanden, gemeinsam für Deutschland auf dem Feld.
Genau diese Konstellation macht die Flag-Football-Szene für sie besonders.
„Bei den Spieltagen in Deutschland ist es total lustig, wenn man seine Teamkameradinnen aus der Nationalmannschaft plötzlich auf der anderen Seite stehen hat und weiß: Nächste Woche im Trainingslager stehen wir wieder zusammen auf dem Feld.“
Auch eine Finalniederlage bekomme dadurch eine zusätzliche Perspektive. Natürlich wolle sie mit den Spatzen gewinnen. Gleichzeitig könne sie sich für Nationalmannschaftskolleginnen freuen, wenn diese mit ihrem Verein erfolgreich seien.
Für die kommende Saison ist das Ziel in München trotzdem eindeutig. Nach Platz drei und anschließend Platz zwei soll der nächste Schritt folgen.
„Nächstes Jahr ist der Chip auf jeden Fall drin“, sagt Song.
Von München auf die europäische Bühne
Lange Pause macht sie nach der WM nicht. Nach einem Urlaub in Südspanien ist Song bereits wieder ins Training eingestiegen.
Im Oktober wartet mit dem Champions Bowl in Kroatien ein weiteres internationales Turnier auf die Munich Spatzen. Dort treffen erfolgreiche Vereinsmannschaften aus verschiedenen europäischen Ländern aufeinander – für Song eine weitere Möglichkeit, sich auf hohem Niveau zu messen.
Gerade diese internationalen Erfahrungen gewinnen an Bedeutung. Denn auch im europäischen Flag Football gibt es inzwischen zahlreiche Teams mit Nationalspielerinnen, die ihre Vereine auf ein entsprechend hohes Niveau bringen.
Für die Spatzen ist die Teilnahme deshalb nicht nur ein attraktiver Saisonabschluss, sondern ein weiterer Gradmesser auf dem Weg nach oben.
Flag Football wird sichtbarer – auch dank NFL und Olympia
Den Boom ihres Sports nimmt Zoe Song längst auch außerhalb des Spielfelds wahr. Dass Flag Football 2028 olympisch wird, Programme der NFL wachsen und Events wie die Weltmeisterschaft stärker medial begleitet werden, verändert die Wahrnehmung.
Die Heim-WM war dafür vielleicht das bislang deutlichste Beispiel.
Flag Football ist nicht mehr ausschließlich ein Sport innerhalb einer kleinen Football-Community. Die wachsende mediale Aufmerksamkeit, neue Mannschaften und die zunehmende Professionalisierung erreichen immer mehr Menschen.
Auch München spielt in dieser Entwicklung eine besondere Rolle. Mit den Munich Spatzen, zahlreichen Football-Angeboten und der Präsenz der NFL rund um das NFL Munich Game 2026 ist American Football in der Stadt längst sichtbarer geworden.
München bedeutet für Zoe Song auch Ausgleich
Bei aller sportlichen Ambition ist München für Song nicht nur Trainingsplatz und Spielort.
Wenn sie nicht auf dem Football-Feld steht, zieht es sie besonders im Sommer in den Englischen Garten oder an die Isar. Gerade die Kombination aus Großstadt und viel Grün gehört für sie zu den Qualitäten, die München besonders machen.
Auch kulinarisch legt sie sich ungern auf einen einzigen Lieblingsort fest. Haidhausen, das Glockenbachviertel oder das Univiertel bieten für sie genügend Cafés und Restaurants, um immer wieder etwas Neues auszuprobieren.
Es ist diese Mischung, die auch ihr sportliches Zuhause beschreibt: Munich, die Munich Spatzen und gleichzeitig der Blick hinaus in die internationale Flag-Football-Welt.
Der nächste Schritt soll Gold sein
Nach einer Saison mit der Vizemeisterschaft in München und einer Heim-WM unter den fünf besten Teams der Welt bleibt bei Zoe Song vor allem eines hängen: Der Abstand zur Spitze ist kleiner geworden.
Deutschland konnte Vize-Weltmeister USA bis zum letzten Punkt fordern. Die nationalen Strukturen wachsen. Die Förderung nimmt zu. Und mit den Olympischen Spielen 2028 wartet ein Ziel, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.
Für Song ist deshalb klar, wohin die Reise gehen soll: mit den Munich Spatzen nach ganz oben und mit Deutschland den nächsten Schritt Richtung Los Angeles machen.
Die IFAF Flag WM Düsseldorf 2026 hat gezeigt, dass beides keine weit entfernte Vision mehr ist.